Meeresschildkrötenbabies auf Kreta beobachten – ein Erfahrungsbericht

gruene Meeresschildkrötenschlüpfling

Während meines letzten Urlaubs habe ich ein wunderschönes, berührendes Erlebnis gehabt: Ich habe frisch geschlüpften Meeresschildkröten dabei zugesehen, wie sie das erste Mal ihren Weg ins Meer gehen 💛.

Da ich wusste, dass es auf Kreta einige Strände gibt, an denen Meeresschildkröten ihre Eier legen, habe ich an jedem Strand nach Schildkrötennestern Ausschau gehalten. Eine griechische Organisation namens Archelon hat sich hier dem Schutz der Meeresschildkröten verschrieben. Die Freiwilligen, die bei Archelon arbeiten, schützen die Meeeresschildkötennester mit speziellen Gerüsten, leisten viel Aufklärungsarbeit bei der Bevölkerung und den TouristInnen und pflegen auch kranke oder verletzte Tiere in einem eigenen Rescue Center.  Am Red Beach bei Matala habe ich das erste Schildkrötennest entdeckt. Das hat mich motiviert und ich habe im Internet nach weiteren Infos zu Meeresschildkröten auf Kreta gesucht. Schließlich bin ich fündig geworden: Für den nächsten Tag war an einem Strand in unserer Nähe eine öffentliche Ausgrabung eines Schildkrötennestes („Excavation“ genannt) geplant. Was für ein Glück!

Baby-Meeresschildkröten
Die Freude war groß, als die ersten Schlüpflinge zum Vorschein kamen.

Also sind wir am nächsten Tag nach Kalamaki (Messara Bay im Süden Kretas) gefahren, ohne genau zu wissen, was uns eigentlich bei einer Excavation erwartet. Am Strand habe ich gleich drei Schildkrötennester entdeckt. Bei einem der Nester fanden sich nach und nach mehr interessierte Menschen und die freiwilligen HelferInnen von Archelon ein. Die Freiwilligen, hauptsächlich junge Frauen Anfang 20, trugen alle blaue T-Shirts mit der Aufschrift „Ask me about sea turtles“.

Die grüne Meeresschildkröte – ein seltener Anblick an Kretas Stränden

Sie erklärten uns, dass es sich bei diesem Nest um das erste dokumentierte Nest einer grünen Meeresschildkröte (lat. Chelonia Mydas) handelt. Eine Besonderheit also. Normalerweise legen an Kretas Stränden nur die Schildkrötenweibchen der Gattung Caretta Caretta ihre Eier ab. Entweder hatte sich das Schildkrötenweibchen also verschwommen, oder es haben hier früher tatsächlich auch grüne Meeresschildkröten genestet.

Die grüne Schildkröte ist übrigens zuerst eine Allesfresserin und wird im Laufe ihres Lebens zur Vegetarierin. Sehr sympathisch, finde ich ;-).

Zehn bis zwölf Tage nachdem die Schildkrötenbabies geschlüpft sind, graben die HelferInnen von Archelon die dokumentierten Nester aus. So können sie wissenschaftlich erfassen, in welchem Zustand sich der Bestand der Meeresschildkröten befindet. Es wird genau dokumentiert wie viele Eier gelegt wurden, wieviele geschlüpft sind und ob diejenigen, die nicht geschlüpft sind, fehlentwickelt waren. Lebende Schildkröten bei einer Ausgrabung zu sehen, ist eher unwahrscheinlich. Entweder die Schildkrötenbabies waren stark genug und sind bereits aus eigenen Kräften geschlüpft, oder die Eier haben sich nicht weit genug entwickelt.

Ganz alleine ab ins Meer

Die Freiwilligen versuchten also gleich zu Beginn die Hoffnung der Zusehenden auf Schildkrötenbabies zu dämpfen. Um so größer war die Freude, als nach ein, zwei toten Schildkröten tatsächlich lebendige Schildkröten aus dem Sand hervorkamen! Die kleinen Schildkröten – auch Schlüfplinge genannt – wurden sofort in Startposition Richtung Meer gelegt. Jeweils eine Freiwillige von Archelon spendete ihr mit ihrem Körper Schatten. Normalerweise schlüpfen die Kleinen in der Nacht und lassen sich vom Mondlicht, das sich im Meer spiegelt, zum Meer leiten. Deshalb sind ihre Augen direkt nach dem Schlüpfen sehr empfindlich.

gruene Baby-Meeresschildkröte
Kleiner Schlüpfling auf dem Weg zum Meer.

Den Weg vom Nest hinunter zum Meer mussten die Schilkrötenbabies aus eigener Kraft zurücklegen. Am liebsten hätte ich ihnen geholfen und sie zum Wasser getragen. Doch der Weg ist wichtig, damit sie ihre Muskeln und Lungen für das Leben im Meer trainieren.

Die Schildkrötenbabies müssen bereit für das Meer sein, erklärte uns ein Freiwilliger, dass sei sehr wichtig. Ein weiterer Grund warum man sie nicht zum Wasser tragen soll. Wie man sich richtig verhält, wenn man einer Meereschildkröte, ihrem Nest oder ihren Babies begegnet, habe ich hier für euch aufgeschrieben.

Meeresschildkrötenbaby auf dem Weg ins Meer
Die freiwillige Helferin schützt das Schildkrötenbaby vor der Sonne.

Eine von 1.000 Meeresschildkröten kehrt zurück um Eier zu legen

Fünf bis sieben Schlüpflinge – ich habe nicht alle beobachten können – wurden aus dem Schildkrötennest geholt. Eine weitere Besonderheit, und wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass relativ viele Nachzügler dabei waren, ist dass das Schildkrötennest von den Freilwilligen verlegt wurde. Die Schildkrötenmama hatte sich nämlich direkt beim Beachvolleyball-Feld zum Eierlegen niedergelassen. Als die Freiwilligen davon erfuhren, war klar, dass das Nest verlegt werden muss, da die Eier zu wenig Schutz und Ruhe gehabt hätten. Das Verlegen eines Nestes ist eine sehr heikle Angelegenheit. Jede Bewegung kann auch Schaden bei den befruchteten Eiern anrichten. Außerdem entwickeln sich die Geschlechter der Schildkröten erst im Laufe der Zeit und zwar abhängig von der Temperatur: Die oberen, wärmeren Eier werden zu Weibchen, die unteren zu Männchen. Man muss beim Umsiedeln also auch sehr darauf achten, nicht in diese Ordnung einzugreifen.

Insgesamt werden pro Jahr ca. 100 Nester auf Kreta gezählt, davon 50 allein auf der Südküste. Bis in den Oktober hinein hat man die Chance Schildkrötennester und kleine Schildkrötenbabies zu sehen.

Alle Meeresschildkröten sind aktuell vom Aussterben bedroht. Umweltverschmutzung, aber auch die Licht- und Lärmverschmutzung an den Stränden macht ihnen das Leben schwer. Dazu kommt, dass sie erst relativ spät, mit ca. 18 -20 Jahren geschlechtsreif werden. Ca. alle drei Jahre kommen sie dann an ihren Geburtsstrand zurück, um dort ihre Eier abzulegen. In den 20 Jahren bis die Schildkröten fortpflanzungsfähig sind, kann viel passieren.

Warum mich die Schildkröten-Schlüpflinge so berührt haben

Die Schildkröten dabei zu beobachten, wie sie durch den Sand zum Meer krabbeln hat mich sehr berührt. Jede hatte ihr eigenes Tempo, manche waren sehr zielstrebig und schnell und andere brauchten mehr Verschnaufspausen. Einen Schlüpfling haben die Freiwiligen sogar wieder im Sand eingegraben, er war noch zu schwach. Das kommt öfter vor und sehr oft schaffen es auch diese noch ins Meer. Sie brauchen einfach ein bisschen mehr Zeit.

Mich fasziniert, wie sie instinktiv wissen, dass sie zum Meer gehen müssen, obwohl sie doch gerade erst geschlüpft und auch ganz auf sich allein gestellt sind. Wenn sie bereit sind, krabbeln sie bis zum Meer bis – schwupps – die Welle kommt und die kleinen Zwutschgerl mitnimmt. Dann müssen sich die Schlüpflinge ganz allein im großen Meer zurechtfinden. Wie sie dann nach ca. 20 Jahren wieder an ihren Geburtsstrand zurückkzurückfinden, um selbst ihre Eier dort abzulegen – sehr beeindruckend. Und sehr fragil, denn in 20 Jahren kann viel passieren.

Meeresschildkröten sind sehr sensible Tiere und es ist ein sehr sensibler Kreislauf, den sie durchleben, um sich fortzupflanzen. In Zeiten wo der Verkehr und die Verschmutzung auf und in den Meeren immer mehr zunimmt, brauchen sie ruhige Strände, um zumindest ungestört ihre Eier legen zu können. Sie brauchen unsere Rücksichtnahme und unser Einfühlungsvermögen sowie konkrete Schutzmaßnahmen, damit sie überleben können. Wir Menschen, die wir stärker und lauter sind, als diese empfindsamen Wesen, stehen in der Verantwortung darauf Rücksicht zu nehmen.

Die Situation der Schildkröten ist auch ein Sinnbild für mich für unsere Gesellschaft, die oft zu Lasten derer geht, die leiser und empfindsamer sind und in der sich die durchsetzen, die Raum einnehmen und lauter sind. Am stärksten eingeprägt hat sich mir der Moment, wo die Welle die Schildkrötenbabies erfasst. Sie haben keine Ahnung, was passieren wird und wohin die Welle sie trägt, aber sie wissen auch, dass sie am richtigen Ort sind.

Baby-Meeresschildkröte wird von der Welle abgeholt
Die Welle nimmt die Schlüpflinge mit ins große Meer.

Archelon – die Organisation zum Schutz der Meeresschildkröten

Wenn ihr selbst in eurem Sommer Gutes tun und viel über Meeresschildkröten lernen wollt, Archelon sucht immer Freiweillige! Außerdem kann man Patenschaften für Schildkröten im Rescue Center übernehmen oder auch einfach direkt spenden.

Mehr Infos über ihre Tätigkeit und wie ihr sie unterstützen könnt, findet ihr auf der Website.

Wenn ihr gerade auf Kreta oder einer anderen griechischen Insel unterwegs seid, wo Archelon aktiv ist, findet ihr auf Facebook aktuelle Verstaltungen wie z.B. Nestausgrabungen.

Sonnenuntergang überm Meer auf Kreta
Zum Abschluss gab es noch einen wunderschönen Sonnenuntergang.

Habt ihr auch schon einmal Meeresschildkröten beobachtet? Was hat euch am meisten begeistert? Ich freu mich auf eure Kommentare!

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